Ich lege hier einen Beitrag aus G+ Zeiten in stark erweiterter und aktualisierter Fassung nochmal neu auf.
Storygames, story games: Es lohnt sich erstmal zu schauen, wer den Begriff heute (2020) noch benutzt. Einen guten Grund gibt es dafür nämlich, sollte man meinen, nicht mehr. Das gleichnamige Forum story-games.com hat nach jahrelangem Darben - seine Hochzeit war Anfang der 10er Jahre - 2019 endgültig die Pforten geschlossen. Die Zahl an noch Aktiven, die dort über Rollenspiele diskutiert und sie entwickelt haben, sich deswegen also
story gamer oder ihre Spiele
story games nennen könnten, ist überschaubar. Zumal zum Beispiel Jason Morningstar und andere sich dem Label früh verweigerten. Fiasco ist einfach ein
game. Tatsächlich kommen viele in den 10er Jahren publizierte Indie-Rollenspiele ohne den Begriff aus. Dominiert haben die letzten Jahre dagegen Rollenspiele, die sich aktiv und bewusst mit
Powered by the Apocalypse (PbtA) überschreiben und mit dem beliebten Akronym auch hinreichend präzise beschrieben sind. Das Prinzip hat sich in
Forged in the Dark (FitD),
Belonging outside Belonging (BoB) und
Rooted in Trophy fortgesetzt. Die meisten neuen Indie-Rollenspiele entstehen allerdings seit etwa Anfang 2019 in einer auf Twitter und die Spieleplattform itch.io konzentrierten Szene, die überwiegend jünger ist und in der einfach von
games,
rpgs oder
ttrpgs gesprochen wird.
Kurz gesagt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wenn heute jemand von
storygames spricht und damit nicht Videospiele meint, die Person selbst die so bezeichneten Rollenspiele weder spielt noch entwickelt. Im Wesentlichen sind das zwei Gruppen von Leuten. Einmal PbtA-Designer*Innen, die ihre Design- und Spielphilosophie von den als
storygames bezeichneten Indie-Rollenspielen abgrenzen wollen. Das ist gerade deswegen nachvollziehbar, weil es sich schon bei Apocalypse World um ein rückwärtsgewandtes Projekt handelte wie Autor Vincent Baker bestätigt. Zwischen Abgrenzung und dem offenen Versuch ein breites Spektrum an missliebigen Spielen, das sie natürlich nicht als solches erfassen, grundsätzlich aus dem Kreis der Rollenspiele und damit dem gemeinsamen Hobby auszuschließen, bewegen sich dagegen Fans von old school Rollenspielen, die häufig noch unter OSR (
Old School Re...) firmieren.
Hier schließt sich gewissermaßen der Kreis, denn aus dem Kampf gegen falsche Rollenspiele ist der Begriff
story game überhaupt erst hervorgegangen. Damals allerdings noch als Selbstbezeichnung. Ausführlich nachzulesen ist die Begriffswerdung hier:
https://axthetable.wordpress.com/2017/10/23/the-origin-of-the-term-story-games/Fazit ist, dass der Begriff
storygames keine Szene mehr beschreibt, toxisch (geworden?) ist und letztlich trotz interessanter Versuche ihn inhaltlich nutzbar zu machen (
https://heterogenoustasks.wordpress.com/2016/01/12/what-is-a-storygame/) in die Irre führt, weil immer versucht werden wird,
story bspw. auf ein Indie-Rollenspiel wie My Daughter, the Queen of France zu projizieren, dass eine Situation entwickelt, die Geschichte in so unterschiedlichen Rollenspielen wie Monsterhearts und Microscope zu sehen, aber in traditionellen Kampagnenpublikationen zu ignorieren und so weiter. Der Begriff hat keinen Gegenstand. Insofern empfiehlt es sich beim Rollenspiel als dem echten gemeinsamen Nenner zu bleiben und im Zweifelsfall mit 'ohne Spielleitung', 'Indie-', 'Genre-','Drama-' o.ä. zu spezifizieren.
Erzählspiel: Das Schöne im Deutschen ist, dass es den Begriff Erzählspiel doppelt gibt, was deutlicher als bei den
story games zeigt, wie sehr es darum geht, wer ein Rollenspiel gerade so nennt und wie wenig darum, was für ein Rollenspiel das eigentlich ist. In Übersetzung bezeichnet der Begriff seit den 90er Jahren die World of Darkness-Systeme (von
storyteller/
storytelling system), ist mittlerweile aber für Indie-Rollenspiele recht geläufig. Das verwundert nicht, da die deutschsprachige Szene der englischsprachigen bekanntlich 5-10 Jahre hinterherhängt. Das eigentliche Tragische ist allerdings, dass Das Schwarze Auge und Cthulhu nicht häufiger Erzählspiel genannt werden. Eine verpasste Gelegenheit.
So etwas wie eine Erzählspiel-Szene gibt es in Deutschland immerhin noch, in welch schwieriges Fahrwasser die These vom Erzählspiel angewandt auf Rollenspiele aber inhaltlich führen kann, habe ich hier schon einmal auseinandergesetzt:
https://tearlessretina.blogspot.com/2019/07/erzahlspiele-eine-replik.htmlAm treffendsten bezeichnet der Begriff Erzähl-Spiel deswegen immer noch ein Kartenspiel wie Es war einmal, in dem das Geschichtenerzählen das Spiel ausmacht und nicht etwa wie beim Standardbeispiel Fiasco das Rollenspiel.
Narrative: Während gelegentlich noch
narrativist anzutreffen ist - die seit mindestens einem Jahrzehnt irrelevante GNS-Theorie bespreche ich hier nicht - ist dem Begriff
narrative in neuerer Zeit tatsächlich nochmal größerer Erfolg beschieden gewesen und zwar im
narrative dice system von FFGs Star Wars Rollenspiel. Das Narrative daran ist laut Chefdesigner Jay Little, dass die Würfel auch das Wie und Warum eines (Miss)erfolgs andeuten. Die Kombination aus situationsbedingten Modifikatoren und einem Würfelergebnis, das vom Patzer bis zum kritischen Erfolg auslegungsbedürftig ist, zeichnet ja nun eine überwiegende Mehrheit der Rollenspiele aus. Wer erinnert sich nicht der sonoren Stimme irgendeiner Spielleitung, die beruhigend versichert: "Ja, mach doch ma'n Wurf und dann schaun'wer." Vom Prinzip her passiert das natürlich auch da nicht weniger, wo bewusst auf Würfe verzichtet wird. Es bleibt Jay Little's Verdienst uns das nochmal bunt vor Augen geführt zu haben (das soll das wirklich tolle
narrative dice system nicht schmälern, möchte ich mit einer 30 Sessions langen Star Wars EotE Kampagne im Rücken sagen).
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